Nachlese
© Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen, Friedrichstraße 35, 65185 Wiesbaden – 2019

Verständigungspolitische Seminarreise führte nach Nordserbien und Südungarn

Beitrag zu friedlichem Miteinander in Europa

Von der Anzahl der heute dort lebenden Bevölkerung her spielt der Anteil der offiziell anerkannten deutschen Minderheit mit 0,169 % in der autonomen Provinz „Vojvodina“ der Republik Serbien eigentlich eine recht untergeordnete Rolle. Und dennoch haben die seit dem 17. Jahrhundert von Ulm und anderswo entlang der Donau eingewanderten deutschen Siedler, auch als Donauschwaben bekannt, bis in die heutige Zeit hinein deutliche Spuren hinterlassen, die durchaus hoffen lassen, dass die deutsche Sprache, die deutsche Kultur und Tradition in diesem europäischen Landstrich trotz schwieriger Finanzsituation auch weiterhin nachhaltig erhalten bleiben. Diesen Eindruck hatten zumindest die rund 30 Teilnehmer/innen aus der Bundesrepublik nach einem informativen und abwechslungsreichen Seminarprogramm aus der Reihe „Begegnung und Verständigung“ bei einer Reise, die sie kürzlich in den Norden von Serbien und den Süden von Ungarn führte. Veranstaltet wurde dieser Auslandsbesuch von dem Deutsch- Europäischen Bildungswerk in Hessen e.V., das solche, vom Bundesministerium des Inneren geförderten verständigungspolitischen Seminarreisen seit Jahrzehnten in die ehemals deutschen Siedlungsgebiete von Mittel-, Ost- und Südosteuropa mit großem Erfolg unternimmt. Und deshalb wies Seminarleiter Siegbert Ortmann, der auch Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen in Hessen ist, gleich zu Beginn darauf hin, dass diese Veranstaltung nicht nur bei Heimatvertriebenen und Spätaussiedlern das Interesse an den geschichtlichen Hintergründen der aufgesuchten Regionen wecken und bei den vielfältigen Begegnungen mit den deutschen Minderheiten, aber auch der heutigen Mehrheitsbevölkerung vor Ort, verständlich machen sollten. Und so könnten bei der EU-Perspektive Serbiens die zahlreichen menschlichen Begegnungen während dieser Veranstaltungstage vielleicht auch ein kleiner Beitrag zu einem friedlichen Miteinander unter den Völkern Europas gewesen sein. Das rund einwöchige umfangreiche Seminarprogramm unter dem Thema „Vielvölkerregion an der Donau und die Deutschen: gemeinsame geschichtliche Erfahrung als Grundlage für die Verständigung und Erneuerung“ begann mit Führung durch das Stadtmuseum Novi Sad/Neusatz in der Festung Peterwardein, die an die letzte große Schlacht 1683 mit Prinz Eugen gegen die Türken erinnert und auch bedeutendste Sehenswürdigkeit der Stadt ist. Die Historikerin und zugleich Museumsleiterin Dr. Agnes Ozer referierte an diesem historischen Ort sehr detailliert und verständlich über das Multi- Kulti Zusammenleben in der autonomen Provinz Vojvodina. Es folgten eine sachkundige Führung durch die Metropole Novi Sad und danach eine sehr interessante Info-Veranstaltung nebst Fernsehinterview mit Vertretern des öffentlich rechtlichen Radios–Televizija Vojvodine unter Leitung der deutschsprachigen Journalistin Hajnalka Buda. In Erinnerung an die Internierung und den Tod Tausender Donauschwaben am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die erst 2017 eingeweihte Gedenkstätte in Jarek aufgesucht und ein mitgebrachter Kranz aus Blumen davor niedergelegt. Besucht wurde auch die Stadt Karlowitz bekannt durch den 1699 abgeschlossenen „Friedensvertrag von Karlowitz“ mit Stippvisiten bei der dortigen Schule sowie der Stiftung Heimathaus mit dem donauschwäbischen Museum unter Leitung von Stjepan A. Seder. Weiter gab es Ausflüge zum sehenswerten Deutschen Kirchenmuseum in Apatin mit seinem engagierten Gründer Boris Masic und zum Deutschen Verein „St. Gerhard“ nach Sombor. Hier vermittelte deren Geschäftsführerin Gabrijela Bogisic den Zuhörern sehr anschaulich die aktuelle Lage und Zukunft der deutschen Minderheit in Serbien. Dabei wurde deutlich, dass die kleine deutsche Minderheit mit 3272 Personen in der Provinz Vojvodina insgesamt 14 Kulturvereine betreibt und der Verein St. Gerhardt in Somborn mit über 750 Mitgliedern die treibende Kraft für den Erhalt dieser deutschen Minderheit ist. Die beiden letzten Tage waren der Deutschen Minderheit im EU-Nachbarland Ungarn vorbehalten. Es wurde zunächst das renommierte Ungarndeutsche Bildungszentrum in Baja mit rund 1000 Schülern besucht. Dort gab dann die deutsche Direktorin Dörte Christensen sehr interessante Einblicke über das derzeitige deutsche Bildungswesen in Ungarn. Auf dem Schulgelände wurde übrigens kürzlich zu Unterrichtszwecken eine originalgetreu nachgebaute „Ulmer Schachtel“ aufgestellt, die an die Ansiedlung der Donauschwaben per Schiff im 18. Jahrhundert erinnern soll. Es folgte der Besuch der ungarischen Stadt Szeged mit einem geführten Gang durch das dortige Rathaus und anschließendem Treffen im „Haus der Minderheiten“ mit Vertretern der Deutschen Selbstverwaltung in Szeged und im Komitat Csongrad. Ihre beiden Vorsitzenden, Alexandra Korom und Sabine Balogh, referierten sehr verständlich über Gegenwart und Zukunft der deutschen Minderheit in dieser Stadt, die auch „das südöstliche Tor Europas“ genannt wird. Die recht anstrengenden Seminartage vermittelten übereinstimmend einen anschaulichen Einblick in die Vielvölkerregion an der Donau. Abwechselnd wurden die Teilnehmer nach den einzelnen Vorträgen auch als Moderatoren und Referenten mit eingebunden und so glich das Seminar teilweise einem „Workshop“ für Völkerverständigung. Etwas nachdenklich gestalteten sich allerdings die notwendigen Busfahrten vom Hotelquartier in Subotica (Serbien) zu den Besuchen nach Ungarn und zurück. Vor allem die Kontrolle bei der Ausreise aus dem EU-Land Ungarn mit angeordneter reihenweiser Personenaufstellung vor dem Bus und anschließender persönlicher Aushändigung der Ausweise erinnerte mitunter an die Zeiten des längst überwundenen „Kalten Krieges“ in Europa mit den damals üblichen schikanösen Grenzkontrollen beim Überqueren des „eisernen Vorhangs.“ Am Ende wurde die sorgfältige Vorbereitung und erfolgreiche Durchführung dieser Seminarreise von allen Teilnehmern lobend hervorgehoben und der Dank dafür gebührte dem Geschäftsführer des Deutsch-Europäischen Bildungswerk Hessen e.V., Hubert Leja (Wiesbaden), und dem Leiter dieser verständigungspolitischen Veranstaltung, dem stellvertretenden Vorsitzenden Siegbert Ortmann (Lauterbach). September 2019 Text: Siegbert Ortmann Bilder: Michael Gediga
Seminarteilnehmer im Rathaus von Szeged/Ungarn.
Seminarteilnehmer auf der Festung Peterwardein in Novi Sad.
TV-Interview mit der Journalistin Hajnalka Buda.
Seminarleiter Siegbert Ortmann gedachte in Jarek der Toten und legte einen Kranz nieder.
Auf dem Schulgelände von Baja mit „Ulmer Schachtel“ (verdeckt).