Nachlese
© Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen, Friedrichstraße 35, 65185 Wiesbaden – 2019

Verständigungspolitische Seminarreise führte nach Danzig und in die Kaschubei

Marienburg als Beleg für deutsch-polnische Geschichte

Der Bund der Vertriebenen in Hessen unternahm kürzlich unter Leitung des BdV-Landesvorsitzenden Siegbert Ortmann (Lauterbach) die letzte der drei verständigungspolitischen Seminarreisen in diesem Jahr. Es ging in die ehemalige preußische Hansestadt Danzig und in die angrenzende Kaschubei. Ein Besuch durch diesen Teil Polens ist selbstverständlich immer eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte mit allen ihren Konflikten, zeitweilig aber auch geprägt von friedlicher Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschen. Und ständig wird man erinnert an den deutschen Ritterorden, der hier vor Jahrhunderten sehr viel geschaffen hat, was heute nach totaler Kriegszerstörung restauriert wieder besichtigt werden kann. Dafür ist beispielhaft die mächtige Marienburg, die 1945 zu 60 Prozent zerstört war. Als größter Backsteinbau Europas und UNESCO-Weltkulturerbe steht sie jetzt wieder rekonstruiert in alter Pracht da. Die Seminarteilnehmer waren von diesem imposanten Bauwerk sehr beeindruckt und erlebten das großräumige Schlossareal mit allen Einzelheiten und interessanten Dauerausstellungen bei einem Rundgang recht bequem per modernem Audioguide-System. Anschließend referierte Kuratorin Kazimierz Bogusz noch über den aktuellen Denkmalschutz und die Pflege der europäischen Kulturgüter in Polen. Diese gotische Ordensburg belegt übrigens besonders eindrucksvoll die über sieben Jahrhunderte deutscher und polnischer Geschichte. Der einwöchige Aufenthalt in Danzig machte es den 40 Seminarteilnehmern aus allen Teilen der Bundesrepublik auch möglich, die wieder aufgebaute Stadt und ihre Historie ausgiebig kennenzulernen. Dazu gaben die Ausführungen der städtischen Angestellten Jolanta Murawska beim Empfang der Gruppe im Neuen Rathaus von Danzig einige Tipps. Die obligatorische Stadtführung führte alsdann zu den bekannten Bauwerken und Plätzen wie das Krantor, das Grüne Tor, das Altstädtische Rathaus die Frauengasse und den langen Markt. Überwältigend sind die vielen Kirchen, wie u.a. die Marienkirche als größte Bachsteinkirche nördlich der Alpen. Besonders auffallend ist auch die Sauberkeit und der Glanz der Altstadt, denn es gibt hier so gut wie keine Graffiti-Schmierereien an Gebäuden, nicht an Häusern, nicht an Mauern, Denkmälern und den zahlreichen Brücken. Was hier die Einwohner Stein auf Stein aus den Ruinen wieder liebevoll aufgebaut haben, ist einfach überwältigend. Und die Polen sprechen h e u t e auch bereitwillig über die gemeinsame Geschichte, die sie mit den Deutschen in Danzig und anderswo verbindet. Das war nicht immer so. Denn hier hatte bekanntlich mit der Beschießung der Westerplatte durch das deutsche Schul- oder Schlachtschiff „Schleswig-Holstein“ am 1. September 1939 der unsägliche Zweite Weltkrieg begonnen, der Millionen Menschen den Tod, aber auch Flucht und Vertreibung brachte. Dieser Überfall war ein Verbrechen, die nach dem verheerenden Krieg erfolgte Vertreibung aber auch, wenngleich man beides nicht miteinander vergleichen darf. Darüber offen und vorurteilsfrei zu sprechen, war nach Ansicht von Seminarleiter Siegbert Ortmann auch Gegenstand dieses siebentägigen Seminars aus der Reihe „Begegnung und Verständigung“ mit dem Zusammenwirken in der Geschichte als Grundlage für das Z u s a m m e n l e b e n in der Gegenwart. Und insoweit spiele heute in einem Europa ohne Grenzen, eigentlich nur noch historisch eine Rolle, wer wann hier war, und wem einst was gehörte. Weitere Anlaufstellen bei der Reise waren die Hafenstadt Gdingen mit dem sehenswerten Emigrationsmuseum, die ehemalige Zisterzienserabtei Oliwa mit der berühmten Orgel in der prächtigen Kathedrale sowie der Badeort Sopot mit der überdimensional langen hölzernen Seebrücke. Diese Orte, unmittelbar nördlich von Danzig gelegen, bilden übrigens zusammen die sogenannte Dreistadt, die sich über rund 45 km entlang der polnischen Küste erstreckt und rd. 750000 Einwohner zählt. Und ein anderer Schwerpunkt der Reise war schließlich der Besuch des Siedlungsgebietes der Kaschuben mit seinem Kerngebiet, der sog. Kaschubischen Schweiz. Dieses Gebiet westlich von Danzig wurde auch berühmt durch die „Blechtrommel“ des Danziger Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass. Die Sprache ihrer rd. 53.000 Bewohner wird inzwischen als eigenständig westslawisch anerkannt und hat in Polen den Status einer Regionalsprache, die seit den 1990er Jahren in Schulen unterrichtet wird. Die kaschubische Kulturpflege wird in dem ebenfalls besuchten Zentrum für Bildung und Förderung der Region „Szymbarki-Wald“ auf einzigartige Weise dargestellt und gilt damit als besondere touristische Attraktion. Mehr über diese Region erfuhren die Seminarteilnehmer schließlich bei einem Vortrag zum Thema „Die Kaschuben- Wurzeln der kaschubischen Sprache und Identität“ von Elzbieta Kuzmiuk, Mitglied der Kaschubisch-Pommerschen Vereinigung in Karthaus. Selbstverständlich stand bei diesem verständigungs politischen Seminar auch ein Besuch beim örtlichen Bund der Deutschen Minderheit in Danzig auf dem Programm. Ihr Vorsitzender Roland Hau und seine Begleiter empfingen die Gäste im eigenen Vereinsheim zu einer sehr interessanten Begegnung mit Jung und Alt. Dabei erinnerten zwei ältere Damen recht emotional, dass ihnen ihre Zugehörigkeit zur deutschen Kulturnation nach dem 2. Weltkrieg mitunter unsägliches Leid eingebracht habe, sie aber trotzdem an ihrer schicksalhaften Verbundenheit mit Deutschland festgehalten hätten. Diese bewegenden Worte untermauerten eindrucksvoll das zuvor abgehaltene kurze Totengedenken der Seminarteilnehmer bei einem Gedenkstein auf dem Friedhof der nichtexistierenden Friedhöfe in Danzig, der an alle Deutschen, die früher in Danzig gelebt haben, erinnert. Bleibt abschließend anzumerken, dass diese Seminarreise wieder zur vollsten Zufriedenheit aller Teilnehmer vom Veranstalter vorbereitet war und dafür dem mitreisenden Sachbearbeiter Hubert Leja (Wiesbaden) ein ganz besonderer Dank gebührte. Oktober 2019 Text: Siegbert Ortmann Bilder: Michael Gediga
Reisegruppe vor dem Schloss Marienburg.
Teilnehmer bei der Altstadtführung in Danzig.
Gedenkstätte Westerplatte in Danzig.
Totengedenken auf dem Friedhof.